Rettungsaktion

 am Heiligen Abend

 

Plitsch und Platsch hießen eigentlich Piet und Onno, aber alle diejenigen, die diese beiden kannten, nannten sie nur bei ihren Spitznamen. Das hatte sich einfach so eingebürgert. Die beiden Männer verband bereits seit ihren frühesten Kindertagen eine sehr tiefe und herzliche Freundschaft.

 

Plitsch wohnte im alten Leuchtturm der Insel, und Platsch lebte unweit davon in einem kleinen Haus hinter den Dünen. Für beide war es das elterliche Haus und früher war der Leuchtturm natürlich auch in Betrieb gewesen. Inzwischen ersetzte ihn allerdings ein neuer, der moderner und technisch wesentlich besser ausgestattet war. Plitsch liebte seinen alten Turm über alles und hatte sich strikt geweigert, dort auszuziehen, also ließ man ihm diesen Spleen; zumal er tat, was er konnte, um das alte Gebäude mit seinen bescheidenen Mitteln instand zu halten. Seit seinem Sportunfall vor Jahren bezog Plitsch eine kleine Rente. Er war damals so unglücklich gestürzt, dass er für mehrere Monate ans Krankenbett gefesselt war.

„Un dat ook noch up`n Festland“, pflegte er zu sagen. Seinen eigentlichen Beruf als Krabbenfischer konnte er danach nicht wieder aufnehmen. Im Sommer besserte er seine Kasse damit auf, dass er geführte Wattwanderungen für die zahlreichen Besucher anbot, die dann die Insel bevölkerten.

 

Platsch besaß eine Strandkorbvermietung, und wenn die Touristen in der Saison anlandeten, hatte er voll zu tun. Inzwischen gab es sogar immer mehr Urlauber, die auch und gerade im Winter die Ruhe der Inseln zu schätzen wussten. Allerdings gab es nur wenige, die im Schnee ihren heißen Tee oder den Eiergrog im Strandkorb genießen wollten. So hatte er dann viel Zeit, die er meistens mit seinem Freund Plitsch verbrachte. So half er ihm auch gelegentlich, die Reparaturen an dem alten Leuchtturm durchzuführen. Beide waren jetzt Ende dreißig und noch ledig. Die Inselschönheiten hatten sich längst anders entschieden. Ab und zu hatten beide zwar eine kleine Sommeraffäre, aber hängen geblieben war noch keine der Fremden, und die beiden Freunde konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, ihre geliebte Insel zu verlassen. Besser leben ließ es sich nirgendwo auf der Welt, davon waren Plitsch und Platsch fest überzeugt!

 

„Moin! Kommst Du heute zum Turm?“, erkundigte sich Plitsch bei seinem Kumpel, als sie sich am Heiligabend in der Bäckerei der Insel trafen.

„ Moin! Klar, wann?“

„Drei Uhr!“

„Soll ich noch was mitbringen?“

„Nee, lass mal, hab alles da!“

Damit war alles Wichtige gesagt.

 

Ungemütlich war es morgens schon und im Laufe des Tages wurde es keinesfalls besser. Im Radio gab es sogar eine Sturmwarnung. So etwa am späten Nachmittag sollte das angekündigte Sturmtief die Insel erreichen.

„Hoffentlich kommt die letzte Fähre noch pünktlich“, sorgte sich die Bäckersfrau. Ihre Tochter Elke arbeitete auf dem Festland und wollte den Heiligabend zu Hause auf der Insel bei ihren Eltern verbringen.

„Wird schon“, tröstete sie Platsch, bevor er sich verabschiedete, und zu Plitsch gewandt, sagte er: „Bis später, Tschüss.“

„Tschüss, auch.“

 

Pünktlich wie immer erschien Platsch am Leuchtturm, um dort mit seinem Freund den Heiligen Abend zu verbringen. Wie immer gab es erst mal eine starke Tasse Tee mit Kluntjes. Wortkarg saßen sich die beiden Freunde gegenüber und genossen die Stille. Viele Worte waren zwischen ihnen nicht nötig, was beide sehr schätzten. Das Wetter draußen wurde langsam wirklich ungemütlich, aber da beide ja nicht mehr rauswollten, konnte ihnen das egal sein. Ein Blick auf den großen alten Regulator an der Wand sagte Plitsch, dass nun wohl bald die letzte Fähre einlaufen würde. Ob sie danach noch einmal zum Festland zurückkehren konnte, war allerdings fraglich. Es konnte ihnen egal sein; er und Platsch saßen hier gemütlich und warm im Trockenen. Jedenfalls bis sie plötzlich ein ziemlich lautes, schepperndes Geräusch vernahmen und beide aus ihrer Ruhe aufgeschreckt wurden.

„Wat is da denn los?“,  fragte Plitsch alarmiert.

„Bestimmt nix Gutes, darauf möchte ich wetten! Komm, lass uns nachsehen!“, bestimmte Platsch sofort, und schon stand er auf, um seine Stiefel und sein Ölzeug zu holen. Sein Kumpel tat es ihm gleich und beide machten sich auf den kurzen Weg zu dem kleinen Hafen der Insel.

 

Schnell war klar, was geschehen war. Die Fähre hatte es zwar gerade noch geschafft, ihren Liegeplatz zu erreichen, war aber von einer starken Böe an die Hafenmauer gedrückt worden und hatte auch einige Beschädigungen abbekommen. Zwei junge Frauen standen zitternd und äußerst verängstigt am Kai. Die eine weinte, während die andere versuchte, tröstend ihren Arm um sie zu legen.

„Die Meereswoge ist ziemlich angeschlagen, die läuft heute bestimmt nicht mehr aus, noch dazu bei dem Wetter!“, informierte sie der Hafenmeister, der natürlich sofort herbeigeeilt war, um zu schauen, was passiert war.

„Ein kleiner Hund soll noch mit an Bord gewesen sein, aber der ist beim Schaukeln der Meereswoge wohl irgendwo ins Wasser gefallen; deswegen ist die Deern so unglücklich“, erklärte er bedrückt.

„Aber vielleicht hat er es ja doch geschafft an Land zu paddeln. Wir müssen ihn sofort suchen“, rief die eine der jungen Frauen.

„Mann sinnig, bei dem Sturm. Ich bin jedenfalls froh, wenigstens bis hierher so halbwegs heil und gesund gekommen zu sein“; war die lapidare Antwort des alten Kapitäns der Meereswoge. Mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen.

 

„Was denkst Du, könnte er es bis ans Ufer geschafft haben?“, fragte Platsch leise.

„Eher nicht, aber wir sollten trotzdem nach ihm suchen, solange es noch nicht ganz dunkel ist wenigstens“, gab Plitsch zurück. Er hatte Mitleid mit dem Hund und ebenso mit seiner Besitzerin. Hübschen Frauen in Not konnte er ohnehin nur schwer widerstehen.

„Ich komme mit“, meldete sich die Hundebesitzerin nun entschlossen zu Wort. „Ich bin übrigens Insa, meine Eltern betreiben hier seit kurzem wieder den Inselkrug“, fügte sie hinzu. Und an ihre Freundin gewandt, bat sie: „Geh Du doch schon mal zu meinem Eltern und erkläre ihnen die Situation. Unsere Reisetaschen kann mein Vater später holen. Ich komme nach so schnell ich kann, aber ich habe keine Ruhe, solange ich nicht weiß, ob ich Micky nicht doch wiederbekommen kann!“ Dann stiefelte sie schnell hinter den beiden Männern her.

 

„Wo ist er denn über Bord gegangen?“, erkundigte sich Platsch.

„Das ist ja das Schlimme, ich habe es erst gar nicht bemerkt. Elke und ich waren die einzigen Passagiere auf der Fähre, und deshalb habe ich Micky einfach so rumlaufen lassen. Er ist doch noch so jung und verspielt. Er ist ein Mischling und sehr lieb. Ich habe ihn auch erst seit kurzem. Wir müssen ihn finden – bitte!“

 

Plitsch hatte sich vom Hafenmeister ein starkes Fernglas geliehen, bevor sie sich auf den Weg gemacht hatten. Jetzt suchte er damit die Wellen ab, aber es war nichts zu sehen, also stapften sie weiter. Plötzlich rief Insa: „Da, da ist doch was, ich sehe da etwas Dunkles im Wasser!“

„Wo?“, fragte Plitsch und riss das Fernrohr sofort hoch.

„Da drüben, etwas weiter nach links“, befand Insa.

„Doch, da ist ein Schatten, aber noch ist der zu weit weg, ich kann es nicht genau erkennen“, meinte Platsch.

„Zeig her, meine Augen sind vielleicht besser als Deine“, verlangte Insa  aufgeregt.

„Können wir nicht ein kleines Boot holen und damit noch einmal rausfahren?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Du bist gut, bei dem Wind wäre das Wahnsinn“, gab Platsch ihr zur Antwort.

„Aber...“, protestierte Insa, verstummte aber sofort, als sie den Blick sah, den Platsch ihr daraufhin zuwarf. Der dunkle Schatten war inzwischen näher gekommen und Plitsch hob noch einmal das Fernrohr.

„Doch, ich glaube wirklich, das könnte er sein. Ein tapferer kleiner Kerl ist das, den Du da hast.“

„Gib mir das Fernrohr, bitte“, rief Insa aufgeregt. „Doch, jetzt erkenne ich ihn ganz deutlich, das ist mein Micky! Bitte rettet ihn! Bitte...!!!“

Dazu ein flehender Blick aus ihren braunen Augen; mehr brauchte es nicht, um Plitsch zu überzeugen.

„Ich wage es, ich kann nicht zuschauen, wenn ein hilfloses Tier ertrinkt. Wir holen jetzt sofort mein Boot. Bis zum Leuchtturm ist es ja nicht mehr weit. Hilfst Du mir? Los, lass uns jetzt nicht im Stich!“, beschwor er seinen Freund, der ihn zweifelnd ansah.

„Na gut“, war die lakonische Antwort seines Kumpels.

„Ich auch“, entschied Insa sofort.

„Nee, Du bestimmt nicht“, tönte es ihr sogleich zweistimmig entgegen.

„Sonst laufen wir gar nicht erst aus, das ist schon für uns beide gefährlich genug“, versuchte Plitsch Insa klarzumachen.

„Aber...“ versuchte sie noch einmal einzuwenden, wurde aber sofort von Platsch unterbrochen.

„Kommt gar nicht infrage und Schluss!“

Nur widerstrebend fügte Insa sich. Als sie sah, dass die beiden Freunde das Boot aus dem Schuppen holten, bekam sie doch ein schlechtes Gewissen. Was wäre, wenn den beiden auch noch etwas geschah?

Platsch drückte ihr sein Schlüsselbund in die Hand und befahl: „Wir brauchen alle sofort was Heißes, wenn wir zurückkommen. Setz uns einen starken Tee auf und warte hier auf uns. Du wirst Dich in meiner Küche schon zurechtfinden. Im Turm oben ist auch noch das alte Fernrohr, von da aus kannst Du vielleicht unsere Rettungsaktion verfolgen.“

 

Endlich war das Boot im Wasser und Insa sperrte die Tür des Leuchtturmes auf. Muss romantisch sein, hier zu wohnen, dachte sie, und betrat die kleine, aber funktional eingerichtete Küche. Schnell fand sie auch die Utensilien, die sie brauchte, um den gewünschten Tee zuzubereiten. Bei dem überstürzten Aufbruch von Plitsch und Platsch waren ja Teekanne und Tassen ohnehin auf dem Tisch stehen geblieben. Aber wo war das Fernrohr? Die schmale Treppe führte ja noch ein Stockwerk höher, und Plitsch hatte doch gesagt, das Fernrohr sei oben im Leuchtturm. Endlich hatte sie es gefunden und richtete es aus. Tatsächlich, diese Nussschale von einem Boot hielt sich ebenso tapfer, wie ihr kleiner Hund Micky. Beide bewegten sich aufeinander zu. Sicher spürte Micky, dass er von den Männern im Boot Hilfe erwarten konnte. Voller Bewunderung sah Insa, wie Plitsch versuchte, das kleine Boot möglichst nah an ihren Liebling heranzusteuern, ohne ihn dabei zu verletzen. Inzwischen wusste sie schon gar nicht mehr, um wen sie sich mehr sorgen sollte; um Micky oder die beiden Freunde. Die riskierten wirklich viel, um ihren kleinen Hund zu retten! Vor Angst schlug ihr Herz immer schneller. Warum nur hatte sie Micky nicht angeleint? Sie hatte inzwischen ein ganz schlechtes Gewissen bekommen. Es war allein ihre Schuld, wenn diese Sache nicht gut ausgehen sollte, darüber war sie sich durchaus im Klaren. Insas Eltern hatten den urigen alten „Dorfkrug“ ja erst seit einigen Monaten vom Vorbesitzer übernommen, und daher war sie noch nie hier auf der Insel gewesen. Elke, die Tochter der Bäckersfamilie, hatte sie auf der Fähre kennengelernt. Die beiden jungen Frauen hatten sich gleich gut verstanden und so hatte Insa Elke ihren Liebeskummer anvertraut. Deshalb wollte sie einige ruhige Tage auf der Insel verbringen. Darüber hatte sie ihren Micky eine Weile glatt vergessen, weshalb sie sich jetzt die größten Vorwürfe machte. Wieder sah sie durch das Fernrohr. Jetzt schien es so, als hätte das Boot den kleinen Hund endlich erreicht. Gleich darauf sah Insa entsetzt, dass eine Gestalt ins Wasser sprang. Wer es war, das konnte Insa auch durch das Fernrohr nicht erkennen. Sie hielt den Atem an und betete: „Lieber Gott, lass das gut gehen, bitte, bitte!!!“

Während dieses Stoßgebetes hatte sie für einen kurzen Augenblick die Augen geschlossen. Jetzt riss sie die Augen auf, und schaute gerade im richtigen Moment wieder durch das alte Fernrohr, um zu sehen, wie der andere Mann auf dem Boot ihren Micky entgegennahm und danach seinem Freund wieder an Bord half. Wie gebannt sah sie zu! Das Boot kämpfte jetzt immer heftiger mit den Wellen, die beträchtlich an Stärke zugenommen hatten. Jetzt durfte einfach nichts Schlimmes mehr geschehen!

 

Langsam, aber unaufhörlich kam das Boot dem Leuchtturm näher, und Insa atmete erleichtert auf. Plitsch und Platsch schienen alles unter Kontrolle zu haben. Sie würden es gewiss schaffen - sie mussten es einfach schaffen – schließlich war heute doch Weihnachten!

Als Insa sicher war, dass die drei in den nächsten Minuten bei ihr sein  würden, erinnerte sie sich wieder an ihren Auftrag und ging erneut in die Küche, um nach dem Tee für die Heimkehrer zu sehen. Den hatten sie sich redlich verdient! Dann zog sie ihren Anorak an und ging hinaus vor die Tür.

 Sie kam gerade rechtzeitig nach draußen, um zu sehen, wie Platsch das Boot mit Mühe ans Ufer zog und vertäute. Plitsch kam ihr entgegen.

„Das war knapp, aber er ist zäh, Dein Kleiner“, sagte er zu Insa und legte ihr das zitternde und völlig verängstigte, pitschnasse, Fellbündel in die Arme.

„So`n Schietwetter aber auch! Trotzdem endlich frohe Weihnachten“, wünschte ihr auch Platsch, als er ins Haus kam.

„Ja, Euch beiden auch frohe Weihnachten und vielen, vielen Dank! Wie können Micky und ich Euch das je wieder gutmachen?“, fragte Insa die sichtlich erschöpften Männer. Sie strahlte, während sie ihren Micky fest an sich drückte.

„Das passt schon, trinken wir erst mal einen Tee zusammen“, antwortete Plitsch und zwinkerte ihr dabei zu.

„Aber noch mal kriegen mich keine zehn Pferde mehr vor die Tür“, verkündete Platsch.

„Raum ist in der kleinsten Hütte und genug zu essen habe ich auch da – machen wir es uns also gemütlich“, schlug Plitsch vor und fügte an Insa gewandt hinzu: „Du solltest allerdings Deinen Leuten Bescheid geben, dass alles in Ordnung ist. Dein Vater kann Euch ja später noch abholen, wenn Du das willst.“

Ob sie das wirklich wollte, das wusste Insa in dem Augenblick gar nicht so recht. Es gefiel ihr gut im Leuchtturm und Plitsch gefiel ihr ebenso. Er hatte viel Herz und war zudem noch mutig, das hatte ihr sehr imponiert. Aber im „Dorfkrug“ anrufen, das musste sie auf jeden Fall, das war klar. Ihre Eltern würden sich bestimmt schon die allergrößten Sorgen machen! Nach dem Anruf konnte sie immer noch entscheiden, ob sie an diesem Heiligen Abend hierblieb. - 

 

Ein kurzes „Wau“, das war Mickys einziger Kommentar zu den Ereignissen, bevor er in dem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer des Leuchtturmes vor dem bullernden Specksteinofen einschlief.

 

Fröhliche Weihnachten !