Endstation Weihnacht
Udo Kämper seufzte. Gerade in diesem Jahr kam es ihm so vor, als sei die Straßenbahn besonders überfüllt. Die meisten seiner Fahrgäste trugen bunt
verpackte Päckchen und viele waren offenbar in Zeitnot. Einige übermütige Jugendliche, die alle rote Nikolausmützen auf dem Kopf trugen, drängelten und schubsten sich gegenseitig,
sodass er eingreifen musste. Die wenigsten Leute nahmen sich die Zeit, ihm ebenfalls ein frohes Fest zu wünschen. Er war heilfroh, als er seine letzte Fahrt antreten konnte, um für
heute Feierabend zu machen. Er war zeit seines Lebens Junggeselle gewesen und stand inzwischen kurz vor der Rente. Auf ihn wartete auch am Heiligen Abend niemand. Daher war es seit
vielen Jahren Tradition, dass er diese, unter den jüngeren Kollegen extrem unbeliebte, Schicht übernahm. Natürlich verstand er, dass vor allem die Familienväter am Heiligen Abend gern
pünktlich zu Hause sein wollten, um mit ihren Kindern Weihnachten feiern zu können, trotzdem sehnte er sich gelegentlich auch danach, das Weihnachtsfest etwas ruhiger angehen zu
können. In zwei Jahren war es so weit, mit diesem Gedanken tröstete er sich. Nach und nach leerten sich die Waggons, und er fuhr zurück ins Depot, um seine Straßenbahn dort
abzustellen. Routinemäßig machte er noch einen Rundgang durch die leeren Wagen, um zu schauen, ob dort vergessene Gegenstände lagen. Das war zwar eigentlich die Aufgabe der
Putzkolonne, aber so hatte er es immer gehalten. Einmal hatte er sogar eine lederne Brieftasche gefunden und sie dem Inhaber umgehend, noch am selben Abend, persönlich wieder
zurückgebracht. Der Mann war ihm sehr dankbar gewesen, und sein umsichtiges Verhalten hatte ihm sogar eine Belobigung seines Vorgesetzten eingebracht. Heute saß im letzten Wagen
tatsächlich noch jemand. Beim Näherkommen sah er, dass es eine sehr junge Frau war, eigentlich noch ein Mädchen. Blonde Locken quollen unter der Kapuze ihres dunklen Mantels hervor.
Sogar im Schlaf umfing ihr Arm schützend die kleine Transportbox, die neben ihr stand. Neugierig schaute Udo hinein. Zwei blaue Katzenaugen strahlten ihn an und ein leises Miauen
ertönte.
„Du bist ja ein hübsches Kätzchen“, sagte Udo leise.
Was machte eine junge Dame, noch dazu am Heiligen Abend, um diese Uhrzeit allein in der Straßenbahn? Dummkopf, schalt er sich selbst. Sie hat sicher ihre
Haltestelle verpasst. Bestimmt wird sie irgendwo schon lange sehnsüchtig erwartet. Behutsam berührte er ihre Schulter, um sie zu wecken: „Aufwachen, hier ist Endstation. Sie müssen
aussteigen!“
Erschrocken schlug die junge Frau die Augen auf und sah ihn einen Augenblick irritiert an. Dann fasste sie sich schnell und sagte: „Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich
muss irgendwann eingeschlafen sein.“
„So ist es“, bestätigte Udo. „Wohin wollten Sie denn?“
Nun wurde sie verlegen und sagte: „Um ehrlich zu sein, ich bin ziellos durch die Gegend gefahren. Ich hatte einen heftigen Streit mit meinen Eltern und so habe ich
mir Mitsou, so heißt meine Katze, geschnappt und bin aus dem Haus gestürmt! Ich wollte ihnen eine Lektion erteilen.“
Udo nickte verstehend.
„Und jetzt?“, fragte er.
Sie zuckte hilflos die Achseln.
„Ich kann Sie gern nach Hause bringen“, schlug Udo vor.
Eigensinnig schüttelte sie das Köpfchen.
„Aber Ihre Eltern machen sich doch bestimmt Sorgen um Sie!“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, fuhr sie auf. „In letzter Zeit streiten wir fast nur noch. Wissen Sie, meine Mutter hat nach der Trennung von meinem Vater schnell
wieder geheiratet, und ich komme mit meinem Stiefvater nicht sonderlich gut aus. Aber mein Vater lebt in Kanada. Zu ihm kann ich auch nicht.“
Das hörte sich wirklich nicht gut an, fand Udo. Wieder einmal war er froh, sich solche familiären Probleme erspart zu haben.
„Was machen wir denn nun mit Ihnen?“, fragte er. „Hierbleiben können Sie jedenfalls nicht.“
„Ich weiß“, antwortete sie und erhob sich widerstrebend.
„Wo wollen Sie denn jetzt hin?“, fragte Udo und nahm ihr die Katzenbox ab, aus der unaufhörlich weiter leises Miauen ertönte.
Die junge Frau zuckte mit den Achseln und antwortete nicht.
„Nach Hause wollen sie ja auf keinen Fall. Darum mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich kann Sie doch hier nicht allein zurücklassen. Ich nehme sie mit zu mir; dann
reden wir und später bringe ich sie irgendwo unter.“
Vertrauensvoll und dankbar sah sie ihn an.
„Das würden Sie tun?“
„Ja.“
Er wusste, das war absolut unvernünftig, aber er konnte dieses Kind samt Katze doch nicht so ohne Weiteres einfach ihrem Schicksal überlassen. Aus irgendeinem Grund
fühlte er sich für die beiden verantwortlich. Unterwegs klagte sie ihm ihr Leid. Ihre Mutter hielt immer zu ihrem Stiefvater, dem vor allem die süße Mitsou ein Dorn im Auge war. Er mochte leider
keine Tiere.
„Sobald ich achtzehn bin, ziehe ich aus!“, versicherte sie. „Ich heiße übrigens Nele.“
„Mich kannst Du Udo nennen. Wann ist das denn soweit?“
„In knapp zwei Jahren.“
Udo überlegte fieberhaft, wie er Nele und ihrer Katze helfen konnte, aber auf Anhieb fiel ihm einfach nichts ein.
„So, da sind wir“, sagte er, als er vor dem großen Mietshaus anhielt, in dem er seit langen Jahren wohnte.
Unterwegs hatte er darauf bestanden, dass sie ihre Eltern anrief, um ihnen zu sagen, dass sie mit Mitsou zu Freunden gefahren sei. Widerstrebend hatte sie das
schließlich getan. Es war ein kurzes Gespräch gewesen, und soweit er es mitbekommen hatte, war ihr störrisches Verhalten den Eltern gegenüber nicht ganz unberechtigt. Als sie den Hausflur
betraten, öffnete sich die Wohnungstür gegenüber. Seine Nachbarin, Frau Dohmski, schaute hinaus und sagte erfreut: „Ach, Herr Kämper, Sie haben Besuch? Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht
auf ein Stündchen zu mir kommen möchten. Seitdem meine Tochter ausgezogen ist, fühle ich mich am Heiligen Abend immer so einsam“, setzte sie wehmütig hinzu.
Dann trat sie näher und spähte in die Katzenbox.
„Oh, eine Siam-Katze!“, hauchte sie entzückt. „Bitte kommen Sie doch und bringen Sie die Kleine auch mit – ich würde mich so freuen!“
Das ist die Lösung, schoss es Udo durch den Kopf.
„Aber gern“, antwortete er, mit einem Seitenblick auf Nele, die bisher stumm geblieben war. „Wir kommen gleich“, fügte er hinzu und zog das Mädchen mit in seine
Wohnung.
„Nele, Frau Dohmski ist eine sehr nette und hilfsbereite Dame. Ich werde sie bitten, Euch für heute Nacht bei sich aufzunehmen“, informierte sie Udo.
„Aber, ich kenne sie doch gar nicht“, protestierte Nele.
„Mich kennst Du auch nicht viel besser“, entgegnete Udo in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
Wenig später hatte er einen Kasten Pralinen und eine Flasche Wein aus seinen Vorräten herausgesucht, und dann klingelten sie bei Frau Dohmski, die sie erfreut bat,
näherzukommen. In ihrem Wohnzimmer strahlten die Kerzen am Weihnachtsbaum, und der Tisch war bereits für drei Personen festlich gedeckt.
„Herzlich willkommen“, begrüßte ihre Gastgeberin sie strahlend.
Nele öffnete die Katzenbox, um Mitsou endlich die Gelegenheit zu geben, ihrer stundenlangen Gefangenschaft in der Box zu entkommen.
Sogleich erkundete die kleine Katze neugierig und leise maunzend den Raum. Nele packte das schlechte Gewissen, denn in ihrem Zorn hatte sie nicht einmal daran gedacht, für Mitsou etwas Futter mitzunehmen. Sie war einfach nur wütend, kopflos und ohne Plan aus dem Haus gestürmt.
„Sicher hat die Kleine auch Hunger und Durst“, vernahm sie die Stimme von Frau Dohmski. „Was meinst Du, darf sie ein Häppchen Lachs oder vielleicht etwas kaltes
Hühnerfleisch fressen?“, bot sie an.
Nele nickte. Sie war zutiefst erleichtert. Es war Heiligabend und sie saß mit Mitsou in einem warmen, gemütlichen Wohnzimmer;
zusammen mit zwei Menschen, die es gut mit ihnen beiden meinten. Alles Weitere würde sich finden, da war sie plötzlich ganz sicher!